Mythos Formen

Mythos Formen – Tao Lu

Ich möchte hier ein paar Gedanken und Überlegungen wiedergeben, die mich in den letzten Jahren beschäftigt haben. Basis für meine Thesen und Fragen, sind Informationen die ich aus Gesprächen, Forenbeiträgen und Artikeln aus der ganzen Welt (insbesondere jedoch Deutschland, USA, China) gesammelt habe.

Die Formen, oder Tao Lu (jap. Kata, kor. Hyong) spielen in den chinese Martial Arts (CMA) eine zunehmend große Rolle. Immer mehr Schulen verschiedener Stilrichtungen verlagern ihr Augenmerk im Training hauptsächlich auf das Unterrichten und Üben von Formen. Lehrinhalte wie Jiben Gong (Grundlagentraining), Yong Fa (Anwendungen), Partnerübungen und auch Sanda (Freikampf) treten dagegen immer mehr in den Hintergrund bzw. nehmen die Rolle der Aufwärmarbeit für das Formentraining ein. Das dabei zwangsläufig eine wichtige Entwicklung auf der Strecke bleibt, scheint vielen nicht bewusst. Doch durch das ausschließliche Formentraining können sich viele wichtige Skills im Kung Fu nicht entwickeln, wie Rooting, Alignment, Ganzkörperbewegung und – kraft, Ting JIng (Spüren und Hören) oder auch nur Flexibilität und Struktur. Ganz zu Schweigen von der oftmals angepriesenen Fähigkeit zur Selbstverteidigung oder Kampffähigkeit im Allgemeinen. Alles Dinge die für jede Kampfkunst wichtig sind.
Ich will hier nicht behaupten, dass Formen nicht ihren Sinn haben und keine wichtigen Bestandteile des traditionellen Trainings sind. Neben dem offensichtlichen Benefit für Ausdauer, Kraft und Schnelligkeit, bergen die meisten traditionellen Formen ein Arsenal von Konzepten und Techniken, die den jeweiligen Stil repräsentieren und eine Anleitung für den Kampf darstellen sollen. Vernünftiges Arbeiten mit den Techniken vorausgesetzt. Für viele sind die Formen auch einfach nur ein Ausdruck von Anmut und Schönheit, Meditation in Bewegung, ein cooles Workout usw usf. Es bleibt die Frage nach dem Maß, der Gewichtigkeit der Formen und vor allem ihrer Menge.
Mein Lehrer Mike Martello, verglich einmal die Formen mit Büchern. Er sagte ungefähr folgendes: Formen sind wie Bücher, mit denen man lernt. Du bekommst eines in die Hand, liest und lernst daraus und nimmst es eine Zeitlang mit. Irgendwann aber, hast du den Inhalt verstanden und legst das Buch zur Seite. Ebenso verhält es sich mit den anderen Büchern. Einige sind nur kurze Zeit in deinem Fundus, andere eine längere Zeit. Aber nie schleppst Du alle Deine Bücher mit dir mit. Und irgendwann kommt die Zeit, wo Du überhaupt keine Bücher mehr brauchst, sondern mit dem Stoff aus den Büchern anders weiter arbeitest.

Wieso ist Formentraining so populär?
Zum einen ist es sicherlich die bequemste Art für den Lehrer den Unterricht in den CMA zu gestalten. Er kann die gelernte Form abrufen und in unterschiedlicher Geschwindigkeit und Ausführung üben lassen. Dabei sind nur wenige eigene Überlegungen notwendig. Auch die individuelle Korrektur wird meist minimiert.
Zum anderen wird das Formentraining als DAS „traditionelle“ Training in den CMA angesehen. Es wird immer wieder auf die Jahrhundertealte Überlieferung der Formen verwiesen. Auch ihre Quantität spielt dabei oft eine Rolle.

Aber sind wirklich alle Formen so alt?
Nehmen wir mal Systeme wie diverse Tang Lang (Mantis), Shaolin Quan oder einige südliche Stile wie Choy Li Fut als Beispiel. Je nach Familie besitzen diese Systeme an die 100! Formen: Hand-, Waffen- und Partnerformen. Das diese wohl kaum alle vom Stilbegründer entwickelt worden sein können, sollte jedem einleuchten (dennoch gibt es nicht wenige Menschen, die eben dieses glauben). Wo kommen also alle diese Formen her? Meine Meinung dazu ist, das so ziemlich jeder Lehrer „seinen“ Stil weiterentwickelt hat und Formen sowohl von anderen Lehrern, Stilen übernommen, als auch eigene entwickelt hat. Dabei kam es in den letzten 100 Jahren zu einer Explosion in der Anzahl von Formen. Es wurde wohl entdeckt, wie bequem sich mit den Formen Schüler begeistern lassen und auch Geld verdient werden kann. Die Stile wurden größer und größer. Und leider verlangten auch die Lehrer das Training von immer mehr Formen und so rückte das übrige Training zunehmend in den Hintergrund. Ich persönlich kann mir nur schwer vorstellen, wie im alten China die tatsächlichen Meister Tag aus und Tag ein nichts anderes machten, als ihre 100 Formen zu üben. Aus Gesprächen mit einigen traditionellen chinesischen Lehrern und weiteren gesammelten Infos, ergibt sich für mich vielmehr das Bild, dass hauptsächliche JiBen Gong trainiert wurde und nur ein paar vereinzelte Formen das Training ergänzten. Doch zu jeder Zeit wurde möglichst viel Partnerarbeit gemacht.

Warum diese These nun?
Meine Meinung dazu ist ganz klar, dass es besser wäre, das Training wieder auf das wesentliche zu reduzieren und die Menge der Formen ebenso. Wo liegt der Sinn 30 verschieden Handformen, die sich im Endeffekt sehr ähneln, ständig zu üben ohne aber wirkliche Skills zu entwickeln?
Die Möglichkeit in einem Kampfkünstlerleben mehrere Dutzend Formen lernen zu können (idealer Weise aus unterschiedlichen Systemen, um wirklich unterschiedliche Konzepte zu verstehen) ist dabei nicht gleichbedeutend mit dem „jederzeit abrufbar“ behalten all dieser Formen. Das besinnen auf das Wesentliche ist in meinen Augen hier eine wichtige Einsicht und Möglichkeit die CMA zu dem zu machen, was sie eigentlich sind: eine vollständige Kampfkunst!