Interview mit einem Schüler

Interview mit einem Schüler: Stephan P.

Im Folgenden gibt ein fortgeschrittener Schüler der Zhen Wu einen Einblick in seinen „Gong Fu Lebenslauf“. 

Wie alt bist Du und wie lange bist Du schon im Gong Fu unterwegs? 
55 Jahre, die ersten Anfänge mit Tai Chi Chuan waren um 2000 rum, richtig los ging es aber erst 2008.

Was hat Dich damals dazu bewogen, mit Gong Fu anzufangen? Wie kamst Du zur Zhen Wu? 
Es war eine Verletzung, die mich bewogen hat, mich intensiver mit Tai Chi zu beschäftigen. Ich habe damals viel Volleyball gespielt, mich dabei an der Hand verletzt und musste 6 Wochen pausieren. Da bin ich auf Unterlagen über Tai Chi gestoßen, die ich mal von meinem jetzigen Lehrer im Rahmen eines Schnupper-Kurses erhalten habe. Ich habe versucht, die Bewegungsabläufe zu rekapitulieren, was mir mehr schlecht als recht gelungen ist. Aber es hat mich fasziniert.

Wo liegt im Training Dein Fokus? Was trainierst Du zur Zeit am intensivsten?
Momentan die Mantis Bahnen und das Tang Lang shi shou sowie Miao Dao, das mich besonders fasziniert. Ich beginne meist sehr langsam im Tai Chi-Tempo, um im folgenden mehr Dyamik und Intention einfließen zu lassen. Daneben ist und bleibt die Tai Chi Langform meine ewige Baustelle.

Was hat Dich dazu bewogen in der Zhen Wu zu bleiben? 
Es gibt so unendlich viel zu lernen und es macht immer Spaß. Auch wenn ich müde und lustlos zum Training komme, gibt es immer etwas, was mir wieder neue Energie und Motivation gibt. Das Training ist halt immer wieder eine Überraschung, irgendetwas gräbt mein Lehrer jedes Mal aus. Weiterhin ist es die gute Atmosphäre, die ausgewogene Mischung zwischen Ernsthaftigkeit und Humor.

Gab es einen besonderen Moment in Deinem „Gong Fu Leben“ an den Du immer wieder zurück denken magst?
Das Camp in Beijing 2013 war schon ein sehr besonderes Erlebnis. Tagsüber zu trainieren an diesem einzigartigen Platz am See, abends dann durch den Ort zu spazieren, das Land hautnah zu erleben und die Bewegungskultur der (älteren) Chinesen zu erleben. Das war ein sehr inspirierende und motivierende Atmosphäre.

Wie meinst Du, hast Du es geschafft, ein „Fortgeschrittener“ Schüler zu werden? 
Das war nicht mein Ziel. Ich war verwundert, als mein Lehrer mir unterbreitete, mich zur Schwarzgurtprüfung im Tai Chi zuzulassen. Ich dachte, so weit bin ich bei weitem nicht. Mir hat es einfach Spaß gemacht und mir viel gegeben.  Das macht ja gerade den Anfängergeist aus, und den möchte ich mir bis heute bewahren. Jedes Training so anzugehen, als wäre es das erste Mal.  

Was sind Deine Ziele für die Zukunft? 
Im Tai Chi noch tiefer in die Anwendungen im Kampf einzusteigen, d.h. die Bedeutung der Bewegungen im Detail zu verstehen. Weiterhin stehen das Erlernen der Miao dao Solo bzw. Partnerform sowie der Grundtechniken des Tang Lang oben auf meiner Liste. Letztlich trainiere ich auch in größeren Abständen die bereits erlernten Hand- und Waffenformen, um meinen Geist frisch zu halten (den einen oder anderen Übergang muss ich mir immer wieder neu erarbeiten) und noch tiefer in die `innere Arbeit´ einzusteigen.

Gibt es Dinge die Du in der Zhen Wu vermisst? 
Als ich bei Zhen Wu anfing, war das Gemeinschaftsgefühl ausgeprägter. Zu den Vereinssitzungen und -feiern waren viel mehr Mitglieder als heute anwesend. 

Was würdest Du einem Anfänger in der Zhen Wu gerne mit auf den Weg geben?
Wenn Du anfängst, ist alles neu, spannend und aufregend. Das ist bei allen Sachen so. Mit der Zeit wird es dann zur Gewohnheit und dann lassen  Konzentration und Begeisterungsfähigkeit nach. Deswegen ist es wichtig, sich den Anfängergeist zu bewahren. Wie? Aus jedem Training nehme ich ein oder zwei Anregungen mit, die ich am besten am folgenden Tag gleich ausprobiere. So gibt es ständig Neues zu erleben und auszuprobieren. Und: Ich bin niemals perfekt. Wenn ich perfekt bin, dann kann ich aufhören zu trainieren. Ich bin einfach auf dem Weg des Gong Fu, ich tue etwas Gutes für meinen Körper und meinen Geist. Wenn ich mein Interesse und meine Begeisterungsfähigkeit bewahre , dann brauche ich mir gar nicht vornehmen, regelmäßig für mich zu trainieren. Das kommt dann ganz von alleine.