Kai-Ole: Trainingscamp in Porto, 2011

Das Zhen Wu Trainingscamp 2011 ist vorbei und wir sind aus den zwei intensiven Trainingswochen in Porto mit einer Reihe neuer Erfahrungen und vielen Eindrücken zurück.
Insgesamt waren Unterbringung, Wetter, Trainingsort und vor allem die anderen Camp-Teilnehmer super und haben zusammen mit dem Flair von Porto zu einer angenehmen Übungsatmosphäre und einem sehr produktiven Austausch beigetragen.
Das Training war in 4 große Blöcke eingeteilt:
Jeder Tag begann mit ca. einer Stunde Qigong, das in der ersten Woche von Zhang Laoshi (Tong Bei) geleitet wurde, in der zweiten Woche von Lee Laoshi (Modern Wushu und Taiji) und Cheng Laoshi (Babu Tang Lang, Taiji und Zhen Wu – Training). Bei Alex Cheng und Zhang standen vor allem Zhan Zhuang – Übungen (Stehende Säule) im Vordergrund. Zhang Laoshi hat dabei besonderes Gewicht auf vier Varianten (verschiedene Handpositionen) und den zugehörigen Atemfluss gelegt, wie wir sie im Taiji und im Donnerstagstraining teilweise auch im Kontext des Yi-Quan üben. Bei Alex lag der Fokus auf dem Öffnen der Gelenke und dem entspannten Ausdehnen der Knochenstruktur des Körpers. Lee Laoshi hat eine Version der 18 Taiji Qigong Übungen (Shi Bashi) vorgestellt, die wir in ähnlicher Form auch in der Taiji-Gruppe hier in Osnabrück üben. Insbesondere die im Hintergrund laufende Musik, die er während der Übung benutzt hat, um einen bestimmten Rhythmus aufrechtzuerhalten, hat allerdings viele von uns nicht recht für seine Übungsmethode gewinnen können. Der so von außen aufgezwungene Atemrhythmus lief Gefahr, die Übungen auf eine bloße Gymnastik zu reduzieren. Die anderen Lehrer haben mehr überzeugt: das morgendliche Qigong war eine ideale Voraussetzung für die zweite Trainingseinheit.
Im Anschluss haben wir uns dem Pushhands- und Strukturtraining bei Alex Cheng Laoshi gewidmet (alternativ hätte man auch die 37er Yang Taiji – Form bei Lee Laoshi lernen können). Ausgehend vom einhändigen und zweihändigen Pushen haben wir im Laufe der zwei Wochen eine Reihe der 13 Basisprinzipien des Taiji in Anwendung geübt. Alex ist dabei einem gut strukturierten Übungskonzept gefolgt; er hat sehr viel vorgestellt, so dass noch viele Stunden des Übens nötig sein werden, um es wirklich umzusetzen, was aber sehr gute Anregungen gebracht hat. Sein wichtigstes Grundkonzept beim einhändigen Pushen besteht darin, den Druck die ganze Zeit aufrecht zu erhalten, um einen Bruch der eigenen Struktur beim zurückweichen zu vermeiden. Dazu hat er viel Wert darauf gelegt, die Gewichtung die gesamte Zeit relativ weit vorne zu lassen und mit viel Druck gearbeitet, um besser nachfühlen zu können, wie man seine Struktur ausrichten muss. Der Nachteil der Methode bestand darin, dass es sehr schwer war, ohne ein Verkrampfen der Schulter zu üben. Beim zweihändigen Pushen legte er wert auf das Ausnutzen desselben Drucks zum Ködern des Gegners mit der vorderen Hand, während man dessen Struktur dann mit der hinteren brechen konnte. Sein Übungsset wurde schrittweise ergänzt durch die Prinzipien Peng, Lü, Ji, An, Cai, Lie und Kao. Die Grundlage für all das lieferte jedoch sein Strukturtraining, das jeweils eine gute Stunde des Vormittages eingenommen hat: richtige Ausrichtung der Knochenstruktur bei entspannten Muskeln und das Ausdehnen und Öffnen der Gelenke waren dabei die Übungsziele, die man sich ausgehend vom einfachen Stehen mit Partnertraining erarbeiten sollte. Auch das Einbringen der Struktur in Schläge stand auf dem Programm. Dabei hat er uns typische Übungen aus dem Zhen Wu – Training in Taiwan unter Wang Laoshi gezeigt, die dessen Sohn Howard Wang uns letztes Jahr im Bailung in ähnlicher Form auch schon einmal präsentiert hatte. Man konnte also gut daran anknüpfen, hatte beim Training mit Alex aber insgesamt den Vorteil, dass er viel strukturierter unterrichtet hat. Gerade in der zweiten Hälfte des Camps haben leider theoretische Einheiten die praktischen etwas überwogen, was gerade deshalb schade war, weil es noch so viel zu üben gegeben hätte.
Den Charakter des Taiwan-Trainings haben wir dann nach einer zweistündigen Pause im Park am Nachmittag noch einmal in der Babu Tang Lang-Gruppe vertieft vermittelt bekommen (andere Gruppen haben Tong Bei oder Bagua trainiert). Ausgehend von der Qi Shou haben wir dort im wesentlichen Anwendungen und einzelne Fertigkeiten, wie das Brechen der Struktur des Gegners, das Öffnen und Hebeln mithilfe des Hautkontaktes, offensives Bufa, Lao, Kraftentwicklung für Schläge und Würfe etc. gelernt. Zwar hat Alex uns seine Varianten weiterer Babu-Formen gezeigt, hat aber deutlich gemacht, das Formen in Taiwan so gut wie nie trainiert werden. Alles geht aus von Strukturtraining und Pushhands sowie reinem Anwendungstraining. Die Form, ja sogar der Stil wird dabei völlig relativiert: man sucht sich aus den Formen und anderen Stilen bestimmte Kampfprinzipien heraus und trainiert nur diese, oftmals eine einzige Bewegung, über mehrere Stunden täglich, bis man einzelne Fertigkeiten beherrscht und Anwenden kann. Ein ganz anderer Trainingsansatz als bei uns. Grundlage für all das ist neben der Partnerarbeit auch ein regelmäßiges Qigong. Einen wirklichen Babu Tang Lang-Charakter hat das Training in Taiwan daher in vielerlei Hinsicht gar nicht mehr.
Den Abschluss und oftmals auch den Höhepunkt eines jeden Trainingstages bot der Unterricht von Zhang Laoshi im Umgang mit dem Bang (Kurzstock). Wir haben in den zwei Wochen eine Form (Qi Li) geübt und die Charakteristika der für uns alle neuen Waffe kennengelernt (Alternativ hätte man sich auch mit dem Mia Dao oder dem Gun beschäftigen können). Faszinierend war, dass man in der Waffenform die Verbundenheit mit ihrem Stil, dem Tong Bei, klar erkennen konnte: die Entfaltung der Kraft aus dem Körper heraus erfolgt hier ganz analog. Die komplexe Form gehörte für uns alle zu den reizvollsten Waffenformen, die wir bislang kennenlernen durften. Mit Hilfe von Stephan, einem alten Schüler von Zhang, haben wir den Ablauf der Form innerhalb der zwei Wochen erarbeitet und können jetzt, zu Hause, mit dem eigentlichen Training beginnen, also Tempo, Rhythmus und Kraftentwicklung innerhalb der Form einüben.
Zu den besten Trainingseinheiten gehörte schließlich noch das Privattraining, das uns zumindest an einem Tag bei Zhang Laoshi ermöglicht wurde: wir haben Tong Bei – Basics und Anwendungen geübt und wertvolle Korrekturen erhalten. Einige Anwendungen, die die Tong Bei-Gruppe in den zwei Wochen geübt hat (ebenfalls auf der Grundlage einer Qi Shou-Form) haben wir kennenlernen dürfen, während Jochen Laoshi sich die gesamte Zeit intensiv mit dem Tong Bei beschäftigt und bestimmt einiges für das Training zu Hause mitgebracht hat. Zhang Laoshi hat sich sehr viel Mühe mit uns gegeben und noch einmal bewiesen, was für ein Glück wir haben, dass er uns oft in Osnabrück besuchen kommt.

Am Rande haben wir viel Spaß dabei gehabt, unsere eigenen, ganz geheimen und esoterischen Techniken zu entwickeln: insbesondere haben wir eine besondere Form des Bufa, entwickelt und überlegt, wie man es in Deutschland etablieren könnte. Besonders überrascht hat uns dann, das Alex im Strukturtraining eine ganz ähnliche Übungsform, meditatives Gehen in Anlehnung an das Kreislaufen im Bagua, tatsächlich unterrichtet hat. Andere Campteilnehmer haben ihrerseits ihre Geheimtechniken gepflegt: so gab es einige besondere Varianten der Stehenden Säule zu beobachten: Combat- oder aggressive boxing – Qigong sowie Bone-Shaking oder Bibber-Qigong. Peer und Marvin berichteten sogar von besonderen, sehr lauten Atemübungen, die sie beobachten bzw. hören konnten.
Wir blicken also alle auf eine total gelungene Trainingsreise zurück, auf der wir viel gelernt und uns gut unterhalten haben. Zwei Wochen intensives Training in toller Umgebung und Gesellschaft bei sehr guten Lehrern: großartig!