Viele Wege, ein Ziel – Zhen Wu Camp Nachbetrachtung von Kai-Ole Eberhardt

Viele Wege, ein Ziel: stilübergreifendes Kung Fu Training auf dem Zhen Wu Martial Arts Camp in Berlin im persönlichen Rückblick (Kai)

 

Die Eindrücke sind noch frisch, die Erschöpfung noch groß am ersten Tag nach dem zweiwöchigen, sehr intensiven Trainingslager in Berlin. Das Wetter meinte es fast immer gut mit uns, die Organisation war ausgezeichnet, so konnte an jedem Tag das im Vordergrund stehen, weshalb fast 40 Teilnehmer aus aller Welt gekommen waren: Kung Fu

Erwartungen
Nach meinen Erfahrungen vom Zhen Wu Trainingslager in Porto 2011 und einem Blick auf Lehrerliste und Stundenplan hatte ich bereits vor Beginn des Camps eine ganz gute Vorstellung von dem, was mich in Berlin erwarten würde und was ich trainieren wollte. Darum konnte ich mit einer bestimmten Perspektive an das Training herangehen. Nach meinen eigenen Schwerpunkten sollten Qigong, Tongbei und Speer-Klasse, jeweils bei Zhang Laoshi, vertieft werden: hier wollte ich viel mit nach Hause nehmen. Darüber hinaus habe ich an der Bagua-Klasse teilgenommen. Der Stil interessiert mich, an einige Grundlagen wollte ich anknüpfen und Sun Laoshi kennenzulernen versprach interessant zu werden. Mir ging es von vornherein um weitere Eindrücke, die Absicht, Bagua weiter zu vertiefen, trieb mich nicht an, denn dafür ist das tägliche Pensum im Alltag zu groß.

Schon im Vorfeld war klar, dass das Training physisch und geistig harte Anforderungen stellen würde.  Die Vorfreude wuchs von Woche zu Woche, sowohl durch die zu beobachtende emsige Tätigkeit des Organisationsteams als auch die immer konkreteren Informationen zu Inhalt und Ablauf.

Training
Jeder der ursprünglich 10, dann wetterbedingt auf 11 ausgeweiteten, Trainingstage begann um 7.00 mit einer intensiven Einheit Qigong. Die Stunde wurde geteilt zwischen Zhang Laoshi und Sun Laoshi. Letzterer übte mit uns eine Shaolinform ein, die den Lohan Gong-Übungen zugeordnet ist, jedoch äußerlich völlig einer klassischen Shaolinform glich. Hier wurden Kopf und Körper gleichermaßen gefordert. Das Trainingspensum war hier sehr umfangreich, die Stellungen tief, die Techniken teilweise athletisch. Für mich persönlich war die Übungsform sehr ästhetisch und bot einen spannenden Einblick in den Shaolin-Stil, ließ sich aber nur schwer mit meinen bisherigen Vorstellungen von Qigong vereinbaren. Ganz im Gegensatz dazu erwies sich das Qigong von Zhang Laoshi als ein regelrechter Schatz und ein großartiges Bindeglied verschiedener Formen von Qigong, die ich regelmäßig übe, so dass ich hier sehr viel mitnehmen konnte und sowohl Bilder als auch Bewegungen in mein eigenes Training einfließen lassen werde.
Im Zentrum von Zhang Laoshis Stunde standen eine daoistische Meditationsform zur Energetisierung, Dantienarbeit und Gesundheitsführsorge und das von ihm schon öfters vorgestellte, sehr alte Swimming-Dragon-Set. Letzteres endlich einmal regelmäßig üben zu können, hat mich sehr gefreut. Hinzu kamen Massageübungen und Techniken aus dem Stillen Qigong, eine Übungen zur Wärmegenerierung von den Beinen aus über den ganzen Körper und eine Aufbauübung zur Entwicklung innerer Kraft. Hier wurde deutlich: Qigong kann eine Art inneres Bodybuilding sein. Das Spiel mit tieferen und inneren Muskelgruppen über Atemtechnik und Bilder war sehr spannend.
Das morgendliche Training wurde in zwei Gruppen absolviert. Während eine Hälfte sich einer Chen Taiji-Wettkampfform unter Li Laoshi widmete, durfte ich mit Mirjana, Silke, Peer und Bianca bei Sun Laoshi lernen, der seinen sprichwörtlichen Tisch diesmal sehr reich gedeckt hatte. Wie Markus uns erklärte, haben wir das Programm von zwei Camps in der Zeit von einem absolvieren können. Seine unermüdliche Hilfe war daher ebenso wie die Unterstützung durch Andy von großem Wert.
Auf dem Programm standen Basisübungen zum für Bagua typischen Kreislaufen, Jiben Gong, die 64 Hände-Form und die acht „Motherpalm“-Handwechsel. Die äußerlichen Drehungen des sehr ansprechenden und schönen Stils wurden bald auch zu Windungen und Drehungen im Kopf, als wir versuchten, der Fülle an Stoff Herr zu werden. Aber die Mühe hat sich gelohnt. Die lineare Form zeigte mir deutlicher als zuvor, wie eine Verbindung von Bagua und Tang Lang in unserem Familienstil zu erklären ist. Die Handwechsel im Kreislaufen waren fordernd aber unglaublich spannend und ästhetisch.
Die Mittagspause, die in der Regel beim örtlichen Suppenladen verbracht wurde, reichte für ein wenig Regeneration aus, bevor es für die meisten von uns mit den Königsdisziplinen weiterging: Tong Bei und Tong Bei Speer. Während die konkurrierenden Gruppen Tang Lang und Säbel auf das erlernen sehr umfangreicher Formen ausgerichtet waren, konzentrierte sich besonders das Tong Bei auf das Training von Kombinationen.  An vielen Tagen hatte man den Eindruck, dass Zhang Laoshi, obwohl sein Englisch große Fortschritte gemacht hatte, den Namen seines Stils („über den Rücken“) einfach in Bewegungen übersetz hat. Im Wesentlichen wurden Kombinationen von Quan Shou, Pi und Zhong Chui sowie Yao Shan geübt. In einigen Sitzungen wurden auch entsprechende Anwendungen geübt. Es war großartig, Zhang Laoshi bei seinen Bewegungen zu sehen. Ein großer Nachteil der ansonsten eigentlich besten und den Erwartungen voll entsprechenden Klasse war allerdings das Fehlen der Korrekturen. Die Tongbei-Gruppe war sehr groß und Zhang Laoshi war oft mit den Fortgeschrittenen so beschäftigt, dass der einzelne unterzugehen drohte, teilweise nicht einmal mehr Übungsaufträge erhielt. Es gilt also hier genau aufzupassen und sich an diejenigen zu hängen, die eine entsprechende Aufmerksamkeit erhalten.
Der Speer bot schließlich eine sehr fortgeschrittene Erweiterung zu den uns bereits bekannten Techniken. Das Jiben Gong ähnelt durchaus unseren herkömmlichen Bewegungen, jedoch legte Zhang Laoshi viel Wert darauf, den Speer eng am Körper zu führen und wirklich Bodypower und nicht Armkraft in die Techniken zu legen. Die Form selbst – Duan Men Qiang („Die Tür aufbrechen – Speer“) – ist nicht allzu umfangreich, hat es aber in sich, sowohl was Winkel und Drehbewegung als auch Kraftübertragung angeht. Eine tolle Horizonterweiterung.
Viele Abende klangen mit Stretchingeinheiten von Dennis oder Jochen Sifu aus. Insgesamt wurde so ein tolles abgerundetes Trainingsprogramm geboten, das nichts zu wünschen übrig ließ.

Kung Fu Familienleben
Natürlich stärkt eine so lange Trainingszeit, die man als Kung Fu Familie zusammen verbringt, auch den Zusammenhalt – trotz oder gerade wegen Lagerkoller, der natürlich manchmal nicht ausbleibt. Wir haben viel gelacht und uns besser kennengelernt, als das im üblichen Training möglich gewesen wäre. Da der Bailung in großer Zahl vertreten war, wird sich das sicherlich positiv auf unser weiteres gemeinsames Training auswirken. Wirklich Schade war es, dass unsere anderen Familienmitglieder, Dennis, Florian und Markus und besonders Jochen Sifu, durch den Einsatz im Orgateam so eingespannt waren, dass wir uns im Verhältnis zu wenig austauschen konnten. Hier hätten wir uns wohl einfach besser in die Mitarbeit an der Organisation einbringen müssen. Die geleisteten Mühen und der damit verbundene Verzicht aller Organisatoren haben sich wirklich voll gelohnt und verdienen große Anerkennung.
Mit unseren Freunden aus der internationalen Zhen Wu und den Gästen bestand ein reger Austausch, die ursprüngliche Gruppenbildung nach Nationalitäten wurde Stück für Stück aufgeweicht. Auch hier hätte man vermutlich aber noch mehr auf die anderen zugehen können, anstatt sich auf seine Bequemlichkeit zurückzuziehen, die das Heimspiel in Berlin mit sich brachte

Das Drumherum: Berlin
Ab und an stand auch etwas Erholung auf dem Programm. Unser erster freier Tag entfiel teilweise, weil Training nachgeholt werden musste, das bei Regen nicht stattfinden konnte. Aber am Vormittag gab es einen Besuch des Fernsehturms (mit eindrucksvollem Ausblick) und des Nikolaiviertels (Paul Gerhards Kirche und Rotes Rathaus). Der einzige wirklich freie und nach über einer Woche auch dringend nötige Sightseeing-Tag führte uns zuerst in eine verschüttete Berliner Bunkeranlage mit historischer Führung und dann bei strahlendem Sonnenschein vom Brandenburger Tor aus auf eine ausgiebige Spreerundfahrt: auf dem „Sonnendeck“ kehrten so manche Kräfte zurück. 
Kulinarisch wurden wir vor allem mit indischem und thailändischem Essen versorgt. Die Gourmets des Bailung hielt das aber nicht davon ab, auch einmal in vier Tagen acht Döner zu essen. Da unsere Unterbringung im luxuriösen, sauberen und geräumigen Apartment-Verwöhnkomplex über keine Kochnische verfügte, war das eine kostengünstige Alternative.
Das Berliner Nachtleben lockte uns hin und wieder trotz Trainingserschöpfung in die eine oder andere Kneipe: der „dicke Wirt“, ein Etablissement, das „schäbig“  in „kultig“ zu verwandeln bemüht war, wurde Zeuge so manch eines schmutzigen Liedes oder anrüchiger Erzählungen, die dank Guinness-Genuss nicht in Erinnerung blieben.

Fazit
Es ist alles gesagt, was für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Man kann leicht sehen, dass wir eine tolle Zeit hatten. Insbesondere – aber nicht  nur – unser Training wird von den zwei Wochen zehren und Früchte bringen. Da bin ich mir sicher. Es bleiben nur noch zwei Dinge zu sagen: erstens ein großer Dank:  tausend Dank und großen Respekt an das Orgateam, ihr habt Unglaubliches geleistet, um das möglich zu machen. Zweitens ein Appell: wenn sich die Gelegenheit zu einem Trainingslager wie dieses bietet, sollte man sie nutzen. Die nächste könnte sich schon im nächsten Jahr in Belgien auftun. Meldet euch an!

Kai

http://www.zhenwucamp.com/