Kung Fu in der Schwangerschaft – von Silke Kärcher

 

„Kung Fu? Im fünften Monat schwanger? Du bist ja verrückt!“

So oder ähnlich habe ich es während meiner Schwangerschaft letztes Jahr mehrfach von wohlmeinenden Bekannten zu hören bekommen. Meine Frauenärztin wollte mich direkt im zweiten Monat, als man noch nicht mal den Ansatz eines Bäuchleins sah, auf unbestimmte Zeit vom Training beurlauben. Meine Hebamme dagegen blieb cool. Teilgenommen am Training habe ich indes bis gut Mitte des siebten Monats (dann kamen die Sommerferien, sonst hätte ich weitergemacht) und für mich selbst habe ich noch bis kurz vor der Entbindung weiter trainiert.

Kampfsport (und dazu zählt Kung Fu nun mal) in der Schwangerschaft ist ein heikles Thema. Wer zu Beginn der Schwangerschaft im Internet nach geeigneten Sportarten für diese besondere Lebenszeit recherchiert, der findet „Kampfsport“ garantiert nicht auf der Liste. Es ist kein Geheimnis, dass Tritte oder Schläge in den Bauch (und daran denkt man beim Thema „Kampfsport“ nun mal) das Ungeborene und die Mutter gefährden. Wer würde sich dieser Gefahr schon freiwillig aussetzen? Die Antwort ist: Niemand (jedenfalls hoffe ich das).

Warum also konnte ich trotzdem guten Gewissens weitertrainieren?

Kung Fu, wie es in der Zhen Wu Deutschland gelehrt wird, hat viele Facetten. Es besteht nicht nur aus der Anwendung von Kampftechniken und schon gar nicht aus spektakulärer Akrobatik. Vielmehr geht es darum, den eigenen Körper immer besser zu beherrschen, immer besser zu verstehen, wie man Arme und Beine, Hüfte und Schultern, Knie und Ellenbogen miteinander in Verbindung bringt, um möglichst viel Kraft zu generieren. Es geht nicht um verkrampfte Stärke, sondern gelassenes Lockersein; es geht nicht darum, ein breites Maß an unterschiedlichsten Kampftechniken aufzufahren, sondern einem potentiellen Angreifer mit einem einzigen, gut koordinierten Schlag deutlich zu machen: Glaub mir, du willst dich nicht wirklich mit mir anlegen. Im Zentrum unseres Unterrichts steht die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, nicht die körperliche Auseinandersetzung mit einem Gegner.

Und so habe ich in meiner Schwangerschaft selbstverständlich auf jegliche Art von Training verzichtet, die mein ungeborenes Kind oder mich gefährdet hätte. Sparring und Freikampf war von Anfang an tabu. Beim Partnertraining habe ich nicht mitgemacht- wie schnell geht mal etwas daneben, wie schnell schätzt der Partner einen Schlag falsch ein. Ich habe auch auf exzessives Krafttraining verzichtet und stattdessen lieber leichte Dehnungsgymnastik gemacht.

Die meisten anderen Trainingsinhalte konnte ich, trotz wachsendem Bauchumfang, fast genauso gut ausführen wie sonst- und wenn etwas nicht ging, habe ich ein wenig improvisiert. Sicherlich würde ich niemanden raten, ausgerechnet während der Schwangerschaft mit dem Kung Fu Training zu beginnen, allerdings halte ich es ganz prinzipiell für unangebracht, während der Schwangerschaft mit einer unbekannten Sportart anzufangen. Wer, so wie ich, schon eine Weile Kung Fu trainiert und sich und seinen Körper einschätzen kann, der sollte sich aber von den wohlmeinenden Bekannten nicht abschrecken lassen.