Eine Woche mit meinem Lehrer Zhang Xinbin

Entgegen der bisherigen Treffen mit meinem Lehrer, bei denen wir entweder in einem Trainingscamp oder über ein Seminarwochenende mit vielen weiteren Menschen und Kampfkünstlern die Zeit verbrachten, hatte ich dieses Mal dafür gesorgt, dass ic heien komplette Woche mit meinem Lehrer allein verbringen konnte. Und dies hat sich als sehr wertvoll heraus gestellt.
Die Woche fing an, mit einem Seminarwochenende, an dem Zhang Laoshi wieder sehr gewissenhaft und genau auf die Grundtechniken einging. Jeder der Teilnehmer, egal ob Fortgeschritten oder Anfänger mit ein paar Monaten Trainingserfahrung, kam voll und ganz auf seine Kosten und wurde seinem Wissensstand gemäß korrigiert. Beim Waffentraining waren nur Fortgeschrittene dabei und so wurde reichlich an den bislang unterrichteten Formen gefeilt.
Aber Thema dieses Blogartikels soll die Zeit danach sein. In der Woche habe ich mit Laoshi viel Zeit verbracht, eigentlich waren wir rund um die Uhr zusammen und haben uns über vieles unterhalten. Angefangen bei alltäglichen Dingen, deren Verbindung mit Gung Fu und schliesslich sehr, sehr oft übers Tong Bei Quan. Dabei habe ich soviel erfahren und erkennen können, wie zu keiner Zeit davor. 
Ein typischer Tag: wir frühstückten zusammen, gingen danach einkaufen oder ich zeigte etwas von der Stadt, dabei haben wir über Gung Fu oder die Menschen im allgemeinen gesprochen. Danach haben wir zusammen gekocht oder einander beim Kochen zugeschaut, gefolgt vom Essen und Verdauungsspaziergang. Dabei hat Laoshi oft das Bufa des Tong Bei erörtert und gezeigt, wie man es ständig üben und verbessern kann. 
Mittags haben wir im Wohnzimmer gesessen und Laoshi ist häufig plötzlich aufgesprungen: „Look here, *hng* *ha* BAM … „ dann kamen die Erläuterungen wieso es so funktioniert und was das Besondere daran war. Dabei standen immer Ausführung und Trainingsmethodik im Vordergrund und nicht die Technik selbst. ZB zeigte Laoshi einmal eine äußerst effektive Technik mit unglaublichem Tempo und ordentlich Fali (Kraftentwicklung). Dann erklärte er: die gesamte Technik bestand lediglich aus den immer wiederkehrenden Grundtechniken. Fazit: je besser die Grundtechniken, desto besser das Gung Fu. Aber eben auch in dem Sinne, dass es fast nicht weiter notwendig ist, etwas anderes als diese zu üben!
Aber auch Laoshis Art war überwältigend. Ein paar Mal haben wir zusammen trainiert. Wobei hier wirklich „zusammen trainiert“ gemeint ist: ich stand mit Laoshi zusammen und wir haben beide unsere Grundtechniken geübt. Er auf seinem, ich auf meinem Niveau. Aber Laoshi hat ebenso ernsthaft und gewissenhaft die Grundtechniken geübt, wie er es immer wieder von seinen Schülern verlangt. Er stand nicht neben mir und hat sich alles gelangweilt angesehen um dann irgendwann eine halbherzige Korrektur zu geben und dann endlich eine neue Technik oder gar Form unterrichtet, sondern eben mit mir trainiert! Natürlich kam er immer wieder und korrigierte Fehler bei mir, aber er zeigte dann auch wie es richtig sein muss und warum. Bei meinem Unterricht meiner Schüler, hat er dann sogar im Hintergrund mitgemacht. Wie ein neuer Schüler, der schon Vorerfahrung hat. Kein Reinreden und verbessern oder kritisieren. Einfach mitgemacht und Freude dabei gehabt. Das war für mich sehr beeindruckend und hat mich sehr gefreut. 
Laoshi hat also nicht nur in Worten „Wude“, wie Bescheidenheit und Freundlichkeit gezeigt, sondern diese konsequent in der Woche vorgelebt. 

Aber auch beim Fachsimpeln über Gung Fu und Tong Bei im Besonderen, habe ich viel über meinen Lehrer erfahren und Dinge verstanden, die ich vorher nicht wusste. So habe ich einen großen Schritt voran gemacht und viele Erkenntnisse dazu gewonnen.