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Training bei Zhen Wu – nach zwanzig Jahren noch die gleiche Qualität?

2003 – Der Anfang

2003 startete meine eigentliche Kampfkunstreise mit der Berührung zum 7-Star-Mantis-Kung-Fu, das Sifu Jochen damals über die Privatschule Bailung in Osnabrück anbot. Das Studium an der Universität und damit der Umzug in eine „neue“ Stadt führten dazu, dass ich eine Beschäftigung suchte. Mich interessierten vor allem der Stil und die Möglichkeit, Kampfkunst beigebracht zu bekommen – irgendetwas hatte mir gefehlt, und das konnte ich auch ohne viel Ausrüstung ausüben. (In der Schulzeit war ich eher Kajakfahrer und habe Kanupolo gespielt.)

Zum Hintergrund: Interessant ist hier sicher, dass ich in Deutschland geboren, aber „asiatisch“ bin und in der Schulzeit schon fast stereotypisch gefragt wurde, ob ich „Karate“ könne. In einem kleinen Städtchen mit unter 10.000 Einwohnern waren Asiaten im Alltag anfangs eher selten. Kontakt zu Kampfkunstschulen oder -vereinen hatte ich dort kaum, auch wenn mich das Thema schon interessierte. Man kannte es aus Filmen, probierte selbst etwas aus, und mit Freunden entwickelte ich sogar eine eigene „Form“.

In meiner Umgebung wurden vor allem Teamsportarten angeboten. Immerhin konnte ich auf ein Jahr Karate zurückblicken, das ich in meiner Jugend ausprobiert hatte – dafür musste ich allerdings 20 km mit dem Bus fahren. Es waren harte, irgendwie starre Bewegungen, und ich führte es nicht weiter.

Sifu Jochen und die ersten Jahre

Die Art und Weise, wie Kung Fu von Sifu Jochen beigebracht wurde, überzeugte mich sofort, und nach ein paar Probetrainings schrieb ich mich ein. Es war eine Mischung aus der Philosophie eines Sifus als Vater-Lehrer, seiner Autorität und seiner Einschätzung, wann man „bereit“ für die nächsten Schritte war. Dazu kamen natürlich seine Fähigkeiten und Demonstrationen – ich war sicher, hier wirklich etwas lernen zu können.

Auch der Kung-Fu-Stil passte zu mir, da es kein „Show-Kung-Fu“ war, sondern etwas, das ich auch selbst umsetzen konnte – keine meterhohen Sprünge oder Pirouetten. Wissen war zudem wichtig: Bei Prüfungen wurde auch Theorie abgefragt, nicht nur das Ausführen von bestimmten Schlägen und Tritten.

Was für mich aber mindestens genauso bedeutend war: Ich fühlte mich wohl mit den anderen Schülern. Jeder konnte gut mit den anderen trainieren, und die Erfahrenen gaben ihr Wissen gerne weiter. Ein besonderer Punkt war für mich, als Dennis anfing. Mit ihm trainierte ich sehr gerne, und wir hatten sogar unseren eigenen „Kung-Fu-Gruß“. Beim Partnertraining trainierten wir „hart“, und nach Abhärtungsübungen oder Partnerformen merkte man, dass wir die Techniken wirklich mit Kraft anwendeten und nicht einfach nur den Arm oder den Säbel hinhielten.

Wir hatten Spaß, lernten viel und entwickelten uns unter Sifu Jochen weiter. Im Laufe der Jahre übernahm ich in Trainings auch verschiedene Aufwärmeinheiten oder durfte Anfängern die Basics beibringen. Turniere interessierten mich nicht so stark, aber gegen Vorführungen sprach nichts,so haben wir auch im Schlosspark Demonstrationen gegeben oder beim Tag der offenen Tür mitgewirkt.

Die Jahre danach

Nach etwa vier Jahren, in denen ich mal regelmäßiger, mal weniger regelmäßig im Training war, verlagerte sich mein Fokus aufs Arbeiten, und ich musste mich leider abmelden. Meine Gedanken kreisten aber immer wieder um den Verein und den Kampfsport, sodass ich an verschiedenen Orten nach neuen Möglichkeiten suchte. So lernte ich Ratten-Kung-Fu, Schlangen-Kung-Fu, Hung Gar und Wing Tsun kennen – keiner dieser Stile und keine dieser Schulen konnte mich jedoch überzeugen. Auch Taekwondo war nicht wirklich meins, was ich mit den Kindern ausprobierte.

Also blieb ich meist beim Eigentraining, mit Erinnerungen aus Sifu Jochens Unterricht und dem Heft, das ich noch besaß. Der Speer blieb an meiner Seite, wie auch ein paar andere Waffen – bis ich Jiu-Jutsu entdeckte, das ich zwei Jahre lang mit meinem ältesten Sohn ausübte. 

Ab und zu, bei Besuchen alter Freunde in der Gegend um Osnabrück, fuhr ich an der „alten Schule“ vorbei und dachte immer wieder daran, mal wieder zum Training zu kommen. Verwirklicht hatte sich das aber nie, bei der begrenzten Zeit vor Ort und den 300 Kilometern Anreise war es nie spontan machbar. Mit den verschiedenen Erfahrungen, die ich über die Zeit gesammelt hatte, war für mich klar: Jochen war der beste Sifu bzw. Lehrer, den ich kennengelernt hatte. Aber ist das immer noch so?

2026 – Die Rückkehr

2026 ergab sich erneut die Möglichkeit, nach Osnabrück zu fahren. Eine Mail an Jochen ging raus, ob ein Probetraining möglich sei. Zwanzig Jahre waren mittlerweile vergangen – und damit sicher auch viele Veränderungen. Ich war mir nicht sicher, ob er sich überhaupt noch an mich erinnern würde oder inwiefern ich „willkommen“ sei.

Neben der Bestätigung, dass ich vorbeikommen dürfe, teilte er mir im kurzen schriftlichen Austausch schon mit, dass viele bekannte Gesichter wohl nicht mehr dabei sein würden. Sehr gefreut hat mich dagegen, dass Dennis inzwischen selbst Sifu ist. Zwar nicht in der Gegend, aber es bestätigte mir erneut, dass Jochen ein sehr guter Lehrer ist – schließlich hat er weitere Trainer hervorgebracht und damit nicht nur Begeisterung, sondern auch Befähigung weitergegeben.

Das Training fand draußen statt, und ich hatte meine Kinder dabei, die sich das Ganze anschauen wollten – vielleicht kann Papa ja noch das eine oder andere. Selbst mitmachen wollten sie allerdings nicht. Wir tauschten uns wieder etwas aus, sprachen über alte Bekannte, die zwar teilweise nicht mehr trainieren, aber immer noch mit Jochen in Kontakt stehen. Ich konnte mich kurz den anderen Schülern vorstellen und meine Beweggründe erklären. Das Training in Osnabrück war über die Jahre das beste, das ich bisher erlebt hatte.

Nach dem Aufwärmen – ein paar Übungen kamen mir sogar noch bekannt vor – wurden Gruppen gebildet: Tai Chi und Kung Fu. Ole und Paul übernahmen die Aufgabe, sich um mich zu kümmern und mir Grundtechniken beizubringen, im besten Fall auch gleich die erste Form: Qi Shou. Die Zahl der Formen aus dem 7-Star Mantis Kung Fu wurde stark reduziert und diese war somit total neu für mich.

Sifu Jochen wechselte zwischen den Gruppen und zeigte deutlich Anwendung und Ausführung der Techniken. Ole und Paul brachten mir Grundtechniken und die Form bei und beantworteten Fragen souverän – etwa, wofür eine Technik gedacht ist, wie sie tatsächlich angewendet wird, oder was sich im Vergleich zum 7-Star-Mantis-Kung-Fu verändert hat. Mein “Muskelgedächtnis” war aber noch vorhanden, so dass ich einige Techniken noch “wie früher” ausführte, was deutlich an der Handhaltung zu sehen war: “Mantis-Hand” anstelle einer offenen.

Die Anfänge vom Einfluss durch Sifu Mike Martello konnte ich noch miterleben und machte auch die ein oder andere kleine Änderung direkt mit. Das „Ende“ von Bailung e.V. und der Anfang von Zhen Wu lagen aber schon nach meiner Zeit dort.

Fazit

Alles in allem habe ich das Training sehr genossen. Ich konnte neue Erkenntnisse mitnehmen, ebenso wie neue Techniken und eine Form. Es ist „anders“, aber irgendwie doch wie früher – auch wenn heute scheinbar  weniger Wert auf lange Stände oder intensives Grundtechniktraining gelegt wird. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich damals 20 Minuten lang eine einzelne Technik vor dem Spiegel üben musste. 🙂

Aber ist es noch die gleiche Qualität? Nach nur einer Trainingseinheit lässt sich das natürlich schwer abschließend beurteilen. Die Tendenz geht für mich aber klar in Richtung „Ja – wenn nicht sogar besser“. Auch wenn Sifu Jochen selbst hin und wieder meinte, dass er sich zum Beispiel nicht mehr so oft umdrehe (wir werden schließlich alle älter 😃), bin ich überzeugt: Die Schülerinnen und Schüler lernen unter ihm weiterhin sehr gut, und er vermittelt es nach wie vor hervorragend. Wenn der Trainer sich weiterentwickelt, neue Einflüsse/Verbesserungen aufnimmt  und nicht einfach “stehen bleibt”, zeigt es ja weiterhin, dass die Richtung stimmt.

Es wird sich zeigen, wann ich wieder zu einem Training kommen kann – vielleicht dauert es ja diesmal keine weiteren zwanzig Jahre.