Dennis, 31.08.2007

Reisebericht Beijing 2007

Am Samstag den 28.07.2007 sind Sifu Jochen Wolfgramm und vier seiner Schüler aus Deutschland zusammen mit anderen Kampfkunstbegeisterten aus Holland und Belgien von Amsterdam Schiphol Richtung Beijing aufgebrochen. Nach einem anstrengendem Flug von ca. 9 Stunden sind wir am Sonntag schließlich angekommen und wurden von den drei Camp Organisatoren Mike Martello, Zhang Xinbin und Rene Ming Fei Ho am Flughafen begrüßt. Weiter ging es dann knapp zwei Stunden mit dem Bus vom Flughafen zu unserem Hotel, das in einem Randbezirk im Westen von Beijing gelegenen war (http://www.lqhotel.com/doce/haohua.htm). Im Hotel trafen wir dann auf die übrigen Campteilnehmer, die nicht von Amsterdam aus geflogen ihren Weg nach Beijing gefunden haben, sprich Teilnehmer aus Kalifornien, Colorado, Kanada, Russland, Norwegen, Deutschland und England. Das Hotel und die Zimmer waren wirklich super und nach westlichem Standart, in Bezug auf die Toilette, eingerichtet.
Die meisten haben den Sonntag mit Eingewöhnen und Erkundung der Umgebung verbracht, weiteres stand nicht auf dem Programm. Das Klima war sehr warm und schwül, abends hat es in der Regel etwas geregnet, damit es morgens wieder schön schwül sein kann. Selbst das Klima muss irgendwo konsequent bleiben. Der ständige Wechsel zwischen den klimatisierten Hotelgebäuden und dem heiß-schwülen Wetter draußen war sehr gewöhnungsbedürftig und man musste aufpassen sich nicht zu erkälten.
Am Montag wurde Grandmaster Wang Chieh aus Taiwan erwartet und alle Campteilnehmer haben zusammen vor dem Hotel eine kleine Willkommensbegrüßung vorbereitet. Grandmaster Wang Chieh ist mit seinem ältesten Sohn Howard, seinen Schülern H.D., Tom, Kathie und noch drei weiteren angereist. Wang Laoshi war mit seinen immerhin schon 82 Jahren erstaunlich fit und hat sich sehr über den Empfang und die vielen Kampfkunstbegeisterten gefreut. Es war erstaunlich, was dieser Mann für eine Wirkung auf alle anderen hatte. Sein Auftreten war sehr sympathisch und menschlich. Ich hatte vorher viel von Wang Laoshi gehört oder im Internet und auf Videos gesehen, aber ihn dann live zu sehen war schon beeindruckend. Anschließend gab es ein gemeinsames Abendessen mit super leckeren Gerichten.
Der nächste Tag fing mit QiGong mit Zhang Laoshi an und ging mit den Vorbereitungen für die Opening Ceremony dann weiter. Einige Teilnehmer hatten Formen aus verschiedenen Stilen einstudiert, um diese zu präsentieren. Auf der Zeremonie wurden dann nach den offiziellen Eröffnungsreden, die Gastlehrer aus Beijing und Umgebung vorgestellt und begrüßt. Mit jedem weiterem Lehrer, der vorgestellt wurde stieg meine Nervosität. Ich bin mir nicht mehr sicher wie viele es waren, aber bestimmt 15 – 20 hoch angesehene Lehrer aus Beijing, vertretene Stile u.a. Xing Yi, BaGua, Shaolin, TongBei, Yoga, Taiji und Tang Lang. Mike Martello hat meiner Meinung nach ein paar sehr schöne und wichtige Worte in seiner Rede gesagt, ich versuche mal sie im Sinn wiederzugeben. Er meinte, dass es am Ende keinen Unterschied macht welche Kampfkunst man ausübt und dass mit diesem Trainingscamp ein Zeichen gesetzt wurde, dass Leute aus den verschiedensten Stilen zusammenkommen, zusammen trainieren und gemeinsam in ihrem Kung Fu wachsen. Weiter meinte er, es ginge nicht um kämpfen oder darum andere zu besiegen sondern eher um die Schönheit der traditionellen chinesischen Kampfkünste und dass man durch das Kung Fu mit einem gesunden, starken Körper alt wird.
Nach dem offiziellen Teil fingen dann die Kung Fu Demonstrationen, angefangen mit den Campteilnehmern an; einige Schüler von Mike Martello aus Belgien mit verschiednen Formen, Mike Martello selber, Sifu und meiner einer mit der Beng Bu aus dem Seven Star Mantis uvm. Im Anschluss zeigten dann einige der Gastlehrer ihr Können, hier der Link zu einem YouTube Video der Opening Ceremony (http://www.youtube.com/watch?v=M7QJxcJWeTc). Darunter waren einige sehr beeindruckende Darbietungen. Ich persönlich fand die Xing Yi, BaGua, BaGua Deerhorns und natürlich die Demonstration von Wang Laoshi besonders beeindruckend. Nach einem gemeinsamen, wieder mal super leckeren, Abendessen ging dieser Tag dann zu Ende. Früh pennen war die Devise, da es am nächsten morgen direkt um 6.00 Uhr mit QiGong losgehen sollte. Vorher wurden allerdings noch an jeden ein Camp-Trainingsanzug mit T-Shirt und ein günstiges Waffenpaket mit Schwert und Fächer verteilt.
In den nächsten zehn Tagen wurde trainiert. Der Trainingsplan sah folgendermaßen aus: Der Tag startete wie schon erwähnt für alle um 6.00 Uhr mit 1,5 Stunden QiGong. Mike Martello fing mit verschiedenen QiGong Übungen an, wie z.B. BaduanJin, viel Taiji QiGong aber auch Stretching und Lockerungsübungen. Zhang Laoshi machte dann in der zweiten Hälfte YiQuan. Nach dem Frühstück ging es dann um 8.30 Uhr mit dem Vormittagskurs weiter. Die Teilnehmer wurden dann in verschiedene Gruppen aufgeteilt. Es gab zwei Chen Style Gruppen (32er und 24er Form) unterrichtet wurde hier von Jia Shusen und Xu Shixi, eine Gruppe Yang Style (44er Wettkampfform) unterrichtet von Wang Shuping und eine Gruppe QinNa Training mit Grandmaster Wang Chieh. In der Regel ging der Morgenkurs bis ca. 11.00 Uhr je nach Gruppe etwas mehr oder weniger. Um 12.00 Uhr war Mittagessen angesagt, verdauen bis 14 Uhr. Dann ging es weiter mit dem Nachmittagsprogramm bis 18.00 Uhr. Angeboten wurden Shaolin mit Sun Ruxian, BaGua – Cheng (mit Jia Laoshi und Yin Style mit Xu Laoshi, Shuai Jiao / Sanda mit Yu Shaoyi und Tong Bei mit Zhang Xinbin. Wobei die letzte Stunde für Waffentraining genutzt wurde (Shaolin Kurzstock, Doppelhandsäbel aus dem Tong Bei, Taiji Fächer und Schwert).
Das morgendliche QiGong Training hat mir Kraft und Ausdauer für den Tag gegeben. Ich habe vorher noch nie über eine längere Zeit morgens 90 min QiGong gemacht und nach einigen Tagen habe ich gemerkt, dass die verschiedenen Übungen, besonders für Atmung und Körperentspannung, doch einiges in sich haben, dass so langsam anfängt klarer zu werden. Etwas passiert, ich kann es im Moment schwer in Worte fassen, aber ich bin gespannt was sonst noch so in der nächsten Zeit geschieht.
Im Vormittagskurs war ich mit Sifu in der QinNa Gruppe von Grandmaster Wang Chieh. Es war kurz gesagt der Wahnsinn mit diesem Mann trainieren zu dürfen. Das ein oder andere Mal als Wang Laoshi mich korrigiert hat, habe ich einen Eindruck von seinem Können bekommen. Es ist ein komisches Gefühl, völlige Hilflosigkeit mit totaler Kontrolle der Situation ohne Angst zu haben verletzt zu werden. Wir haben verschiedene Hebeltechniken, mit den unterschiedlichsten Varianten kennen gelernt. Was ich allerdings wichtiger als die einzelnen Techniken fand, waren die darin enthaltenen Prinzipien. Durch eigentlich simple Körperbewegungen, auf die man leider von alleine nicht kommt, ist der Einsatz von Muskelkraft nahe zu überflüssig, um einen sehr effektiven Hebel auszuführen. Mit Entspannung kommt man weiter als man denkt, aber eine Übung, die nach Muskeleinsatz schreit, dann ohne diesen und nur durch Entspannung auszuführen war nicht einfach und braucht viel Übung. Die mitgereisten Assistenten aus Taiwan, die jeder für sich unglaublich weit fortgeschritten waren, waren eine sehr große Hilfe bei dem Herangehen an die gezeigten Techniken. Es wurden uns auch viele sehr wertvolle Kleinigkeiten mit auf den Weg gegeben, unter anderem natürlich die Basisübungen, mit denen man anfängt eine „soft power“ zu entwickeln. Bereitwillig wurde tiefgehendes Wissen geteilt. Es war nicht so, dass man ein Buch gezeigt bekommt und es dann versucht nachzuahmen. Wir haben bei den Buchstaben angefangen, um in der Zeit die wir da waren vielleicht ein Wort oder gar einen Satz zu bilden.
Nachmittags habe ich bei Zhang Laoshi Einblicke in das Bai Yuan Tong Bei bekommen können. Für mich war es nicht das erste Mal, dass ich Zhang Laoshi getroffen habe, und wie auch bei den vorigen Seminaren war das Training sehr beeindruckend und anspruchsvoll. Die Techniken an sich waren nicht wirklich kompliziert, allerdings die Verbindung der Kraft aus dem Boden bzw. Beinen über den Rücken in die Arme aufzubauen war eine andere Sache (Tong Bei = Connecting Back). Wir haben keine Form gelernt, sondern einzelne Grundtechniken lange trainiert, um sie später zu verfeinern oder mit darauf aufbauenden Techniken und Varianten zu vertiefen. Tong Bei gefällt mir sehr gut und passt wunderbar zum Tang Lang. Die Prinzipien ähneln sich stark und die Kraftentwicklung sowie die Tong Bei spezifische Schulung der motorischen Fähigkeiten sind im Tang Lang nützlich und übertragbar. Tong Bei werde ich auf jeden Fall weiter trainieren und versuchen das umzusetzen was ich in Beijing auf den Weg bekommen habe. Zhang Laoshi ist voraussichtlich Ende Oktober/November in Europa, ich hoffe auf weiteres Training mit ihm.
Für die letzte Stunde des Trainings, habe ich mich für den Doppelhandsäbel aus dem Tong Bei entschieden. Nach einigen Grundtechniken haben wir mit einer schönen Form angefangen, aber aufgrund der enormen Länge nicht komplett gelernt.
Am letzten Trainingstag wurde das erlernte vor versammelter Mannschaft bei der Closing Ceremony präsentiert. Als weitere Ehrengast war Grandmaster Feng Zhi Qiang anwesend und hat am Ende auch noch eine Chen TaiJi Form zum Besten gegeben. Ein weiteres Highlight des Camps, diese lebende Legende live performen zu sehen. Immerhin ist Grandmaster Feng Zhi Qiang auch um die 80 Jahre alt.
An den folgenden Tagen stand Sightseeing auf dem Programm und ehrlich gesagt war das bei dem Wetter und den Unmengen von Menschen die an jeder Sehenswürdigkeit aufgelaufen sind mindestens so anstrengend wie das Training an den Tagen zuvor. Wir haben in den drei Tagen den Sommerpalast, die verbotene Stadt, die chinesische Mauer und noch kleinere Attraktionen aus der chinesischen Kultur wie der Besuch eines Teehauses mit Teezeremonie, einer chinesischen Oper und natürlich sehr gute Restaurants kennen gelernt.
Alles in allem war das Martial Arts Trainingscamp 2007 in Beijing ein voller Erfolg und ein prägendes Erlebnis für mich. Ich konnte sehr viel lernen, dass mich in meiner Martial Art Laufbahn einen großen Schritt nach vorne gebracht hat. Ich habe neue Ansätze und Anregungen für andere Denkweisen bekommen, die helfen das Erlebte zu verstehen und weiter zu üben. Auf der anderen Seite war es erstaunlich zu sehen, dass Martial Arts es schafft, Menschen aus den unterschiedlichsten Teilen der Erde zusammen zu bringen, um sich untereinander auszutauschen und weiterzubringen. Mike Martello sagte dazu, Körpersprache ist ehrlich und allgemein verständlich. Man braucht kaum Worte, um zu verstehen worum es geht.