Ein halbes Jahr Taiji – von Stanislav

Eigentlich sollte dies nur ein kurzer Eintrag werden, aber es ist nicht einfach, Erfahrungen aus sechs Monaten in wenigen Zeilen unterzubringen. Wer also keine Lust oder Zeit hat, liest einfach den letzten Absatz 😉

Kaum habe ich mich Hals über Kopf ins Training gestürzt, ist schon ein halbes Jahr um. Nun habe ich das Gefühl, dass es Zeit wird, zum ersten Mal zurückzublicken: Was habe ich in den letzten sechs Monaten gelernt? Hat es Spaß gemacht? Will ich weiter machen?

Gelernt habe ich einiges. Ich kenne mittlerweile die 24er Yang Taiji Quan-Form, die 8 Brokate und die 18er Form des Qi Gong und eine kurze Bagua-Form. Einige Struktur- und Push Hands-Übungen sind mir ebenfalls bekannt. Ganz zu schweigen von den sympathischen Leuten, die ich in dieser Zeit kennengelernt habe.

Klingt schon mal nach einer Menge cooler Sachen, doch das ist nicht alles. Denn die Formen und Techniken die man sieht, sind nur die Spitze des Eisbergs. Das eigentliche Training spielt sich unter der Wasseroberfläche ab. Und wenn ich mich irgendwo in diesem Bild einordnen sollte, habe ich erst angefangen zu schnorcheln.

Mir gefällt diese Herangehensweise an das Training. Es ist motivierend, eine ganze Form von Anfang bis Ende ausführen zu können, auch wenn die Details noch nicht stimmen. Es gibt nämlich nicht viel, was man im Taiji abschließen kann, weil es in die Tiefe keine Grenzen gibt. Mir hat es Spaß gemacht, Woche für Woche etwas dazuzulernen, nach und nach eine weitere Figur gezeigt zu bekommen und zuzusehen, wie ich mich der kompletten Form nähere. Jetzt, da ich sie vollständig kenne, habe ich das Gefühl etwas erreicht zu haben, ein neues Level könnte man sagen. Ich kann mich nun voll und ganz auf die Arbeit an den Details einlassen – Luft holen und versuchen zu tauchen.

Ganz nebenbei geht auch der Alltag weiter und gerade in ihm zeigen sich Veränderungen. Auch wenn Taiji leicht und entspannend wirkt, sind doch meine Beine muskulöser und stärker geworden, mein Bauch ist kleiner geworden und mein Rücken gerader. Insgesamt ist die Kraftausdauer gestiegen, gerade im Bein- und Schulterbereich. Ich wurde mehrmals darauf aufmerksam gemacht, dass sich meine Körperhaltung und Ausstrahlung verändert hätten. Ich würde aufrechter und sicherer gehen und mein Blick sei offener und fester geworden. Ich kann mich auch nicht erinnern, wann ich das letzte Mal Rückenschmerzen oder Nackenverspannungen hatte.

Man darf auch nicht vergessen, dass Taiji Quan, anders als Qi Gong, eine Kampfkunst ist. Das Training hat mir in dieser Hinsicht eine unangenehme Eigenschaft genommen, nämlich die Berührungsangst und eine angenehme verliehen, nämlich ein Stück Selbstsicherheit. Dass man, wann immer eine Auseinandersetzung in Aussicht ist, alles tut, um sie zu vermeiden, steht außer Frage. Aber die Fähigkeit dabei die Ruhe bewahren zu können, ist unbezahlbar. Die Selbstsicherheit beschränkt sich aber nicht nur auf den Faustkampf. Auch sonst merke ich, dass ich sicherer und vor allem entspannter meinen Mitmenschen gegenüber geworden bin. Es ist jedenfalls spannend zu beobachten, wie das Taiji- und Qi Gong-Training alle Bereiche des täglichen Lebens beeinflusst.

Aber zurück zum Training. Wenn ich mit meinen Mitschülern übe, die weiter sind als ich, merke ich immer wieder, wie tief die Gewässer sind. Und wenn sie mir erzählen, sie würden das gleiche empfinden, wenn sie mit dem Lehrer üben, wird mir beinahe schwindelig bei dem Gedanken an diese Tiefen. Oder ist das die Aufregung, weil das der Weg ist, den ich bereits gehe und vielleicht irgendwann auch dort sein werde?

Ich habe in den letzten sechs Monaten sehr viel gelernt: Formen, Techniken und innere Haltung und genug Wissen, um jemanden, den das nicht interessiert, den ganzen Tag damit vollzuquasseln. Aber am meisten habe ich gelernt, dass die Reise für mich gerade erst begonnen hat. Dass der spannendste und anspruchsvollste Weg vor mir liegt. Aber so viel üben und lernen, nur damit das irgendwann interessant wird? Dr. Kelso (Scrubs) würde sagen: „Nichts, wofür es sich zu kämpfen lohnt, fällt einem einfach in den Schoß.“
Und wenn ihr mich fragt: Es lohnt sich 🙂