Mikes „Wake“ in Antwerpen am Freitag, 12.06. – von Silke Kärcher


„… it’s a bittersweet symphony, this life…“, so heißt es in einem Songtext von “the Verve”. Und obwohl das Lied schon einige Jahre alt ist, hat es doch perfekt für das gepasst, was ich am Freitag in Antwerpen erlebt habe.
Gegen zwei Uhr erreichten wir unser Ziel, ein unscheinbarer Häuserkomplex irgendwo in der Innenstadt, wo Mike Martello Laoshi zusammen mit seinen Schülern Dieter und Renaat gewohnt hat. Das Wohnzimmer, wie könnte es anders sein, ausgelegt mit Trainingsmatten; statt vieler Möbel stehen allerlei Trainingsgeräte herum, die rohen Backsteinwände sind mit Waffen und chinesischer Kunst verziert.
Wir gehören zu den ersten, die ankommen. Trotz des traurigen Anlasses ist es schön, Dieter wieder zu sehen, und nicht nur ihn, sondern auch Yu Laoshi, Zhang Laoshi und René aus Beijing. Außerdem bekommt der Name „Kim“, den ich in den letzten Monaten schon oft gehört habe, endlich ein Gesicht: rote Haare, Sommersprossen. Ein großer, schlaksiger Norweger, der wohl die provisorische Leitung über Mike’s Schule übernehmen wird.
Die nette Nachbarin hat Essen zubereitet, um die Gäste zu versorgen, und es kommen stetig mehr. Menschen, die Mike nur wenige Male gesehen haben, so wie ich, oder Menschen, die täglich mit Mike zu tun hatten, wie seine Ex-Frau Rosa – irgendwann ist der Raum voll von Leuten aus allen Himmelsrichtungen, die alle nur eines gemeinsam haben: Sie haben Mike gekannt und verehrt.
Es wird geredet, gelacht und gescherzt, Bilder werden herumgereicht, Anekdoten ausgetauscht. Zusammen sehen wir uns die DVD von Mike’s letztem Auftritt an, und in die Stille nach dem kurzen Film hört man nur ein halblautes, anerkennendes „very good“ von Zhang Laoshi. Tränen gibt es kaum; jeder ist auf irgendeine Art und Weise ins Geschehen integriert. Nur manchmal, wenn keiner hinguckt, entgleist ein Gesicht, verziehen sich Mundwinkel, irrt ein Blick die Treppe hinauf, wo sich Mikes Zimmer befindet – wer ihn schon an diesem Ort getroffen hat, in seinen eigenen vier Wänden, der muss unweigerlich die Leere spüren, die seine Abwesenheit hinterlässt.
Eine befreundete Opernsängerin trägt zwei Lieder vor, beim letzten sichtlich gerührt. Mikes Ex-Frau führt eine Tanzeinlage auf, jemand spielt Gitarre. Nemo, Mikes kleiner Hund, saust durch den Raum und ruft Erinnerungen wach – fast bei jedem Seminar in unserer Schule war das kleine braune Fellknäuel mit den großen Augen auch dabei und saß anbetend auf Mikes Schoß, völlig uninteressiert an sämtlichen anderen Menschen im Raum.
Später am Abend gehen wir alle gemeinsam essen – über 30 Leute, mehr, als Plätze im Restaurant reserviert waren. Wenn man bedenkt, dass es sich nur um ein informelles Zusammentreffen handelt, und nicht um die offizielle Abschiedszeremonie, muss man erkennen, wie viele verschiedenartige Menschen Mike beeinflusst hat, für wie viele er Lehrer, Vorbild und Freund zur gleichen Zeit verkörperte. Auch im Restaurant ist die Stimmung fröhlich, feierlich. Ganz im Sinne Mikes wird nicht düster über die Lage philosophiert, sondern hoffnungsvoll in die Zukunft geschaut. Es muss weitergehen, und es wird.
Als wir uns um kurz nach zehn verabschieden, sind wir die ersten, die den Heimweg antreten.
Es hat gut getan, sich auszusprechen, auszutauschen, gemeinsamen Erinnerungen nachzuhängen.
Eines ist klar: Die Kung Fu Familie ist durch diesen tragischen Verlust näher zusammen gerückt; Brücken sind gebaut, Grundsteine gelegt. Jeder einzelne von uns trägt die Verantwortung, Mikes Erbe anzutreten und seine Arbeit fortzuführen, auch wenn niemand je in der Lage sein wird, Mike zu ersetzen. Wir müssen bescheiden bleiben und kleine Schritte machen, aber Schritte machen, das ist wichtig. Und für alle, die lieber den Kopf in den Sand stecken, gilt: „Go and ride a bicycle“.

Rest in peace, Mike Laoshi.